Und warum Heilung erst beginnt, wenn Erkenntnisse ein Zuhause finden
Vielleicht kennst du dieses Gefühl:
Du hast schon so viele Bücher gelesen.
Du hast Gespräche geführt.
Du hast verstanden, warum bestimmte Situationen in deinem Leben immer wieder auftauchen.
Vielleicht weißt du sogar ganz genau, wo der Ursprung deiner Themen liegt. Und trotzdem fühlt sich manches noch genauso schwer an wie früher. Viele Frauen fragen sich dann: "Warum
verändert sich nichts, obwohl ich doch längst verstanden habe?"
Diese Frage begegnet mir in meiner Arbeit immer wieder. Und ich glaube, die Antwort darauf ist viel liebevoller, als wir oft denken. Denn zwischen Verstehen und wirklicher Veränderung liegt ein Raum, den wir häufig unterschätzen.
Erkenntnisse brauchen Zeit
Ich glaube nicht, dass Erkenntnisse unser Leben im selben Moment verändern, in dem sie in unserem Verstand ankommen.
Sie verändern unser Leben erst dann, wenn sie beginnen, in uns zu leben. Wenn wir die Erkenntnisse vom Kopf ins Herz wandern lassen.
Vielleicht kennst du das: Du hörst einen Satz und denkst: "Ja. Das stimmt." Ein paar Tage später taucht derselbe Satz plötzlich wieder auf. Wochen später erinnerst du dich vielleicht in einer schwierigen Situation daran. Und irgendwann merkst du: "Ich handle inzwischen ganz anders als früher."
Das geschieht nicht, weil du dir bewusst Mühe gegeben hast. Sondern, weil diese Erkenntnis langsam zu einem integrierten Teil von dir geworden ist.
Erkenntnisse sind wie Gäste
Vor einiger Zeit entstand während einer Begleitung einer Klientin ein Bild, das mich seitdem nicht mehr loslässt.
Ich sehe Erkenntnisse wie Gäste in unserem Zuhause. Am Anfang klopfen sie vorsichtig an unsere Tür. Wir bitten sie herein. Sie setzen sich einen Moment zu uns. Wir hören ihnen aufmerksam zu. Und dann gehen sie scheinbar wieder. Doch wenn wir diesen Gästen (diesen Erkenntnissen) immer wieder begegnen, geschieht etwas Wunderschönes: Sie kommen nicht mehr nur zu Besuch.
Sie beginnen, bei uns einzuziehen.
Sie hängen Bilder an die Wände.
Sie stellen Blumen auf den Tisch.
Sie kochen in unserer Küche.
Sie schlafen in unserem Zuhause.
Irgendwann merken wir: Diese Erkenntnis ist kein Gast mehr. Sie gehört inzwischen zu unserem Zuhause. Sie hat ihren Platz gefunden. Sie ist nicht mehr etwas, das wir nur verstehen. Sie ist zu einem Teil von uns geworden.
Die Erkenntnis ist nicht länger etwas, das wir nur wissen. Sie ist zu dem geworden, das wir sind.
Emotionale Heilung geschieht nicht im Kopf
Deshalb glaube ich, dass emotionale Heilung viel weniger mit Wissen zu tun hat, als viele Menschen denken.
Natürlich ist es wichtig, Zusammenhänge zu erkennen. Zu verstehen, warum wir fühlen, wie wir fühlen. Warum wir immer wieder ähnliche Menschen mit ähnlichen Themen treffen. Warum unser Körper vielleicht längst versucht, mit uns zu sprechen. Doch Erkenntnis allein ist oft erst der Anfang, ein erster kleiner Schritt. Denn unser Herz braucht manchmal länger als unser Kopf.
Unser Nervensystem braucht Zeit. Unsere Gefühle brauchen Raum, um sein zu dürfen. Unser ganzes Wesen möchte nach und nach erfahren:
"Das Alte ist wirklich vorbei."
"Ich bin heute sicher."
"Ich darf jetzt anders leben."
Genau deshalb begleite ich Menschen über einen längeren Zeitraum
Immer wieder werde ich gefragt, warum ich neben meinen Einzelsitzungen auch längere Begleitungen anbiete. Meine Antwort ist heute eine andere als noch vor einigen Jahren.
Nicht weil die Menschen langsam lernen. Sondern weil Erkenntnisse Zeit brauchen, bis sie ein Zuhause in uns finden.
Ich möchte Frauen nicht einfach neue Erkenntnisse schenken beziehungsweise mit ihnen tiefer gehen, damit sie selbst diese Erkenntnisse finden können. Ich möchte sie so lange begleiten, bis diese Erkenntnisse beginnen, den Alltag der Frauen wirklich zu verändern.
Bis sie sich selbst mit anderen Augen betrachten. Bis Liebe langsam den Platz einnehmen darf, den vorher Angst, Schuld oder Schmerz besetzt gehalten haben.
Vielleicht beginnt genau dort Veränderung
Vielleicht beginnt Veränderung gar nicht in dem Moment, in dem wir etwas verstehen. Vielleicht beginnt sie in dem Moment, in dem wir uns erlauben, einer Erkenntnis immer wieder zu begegnen.
Bis sie irgendwann nicht mehr nur an unsere Tür klopft, sondern längst bei uns eingezogen ist.
Und vielleicht ist genau das der Moment, in dem wir beginnen, unser Leben mit den Augen des liebenden Herzens zu betrachten.
Denn manchmal verändert nicht eine neue Erkenntnis unser Leben – sondern die Zeit, die wir ihr geben, damit sie im Herzen ankommen darf.
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